Veränderung beginnt nicht im Außen, sondern dort, wo Menschen wieder bei sich ankommen.
Im Interview spricht er mit uns darüber, warum ein geschützter Raum ohne Leistungsdruck heute so wesentlich ist; was innere Verbindung und Vertrauen in der eigenen Präsenz bedeuten; weshalb Selbstregulation und emotionale Kompetenz in Schule und Arbeitswelt grundlegende Schlüssel sind und wie gesunde Führung sichtbar wird, wenn Haltung von innen entsteht.
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Mit Ethictrain e. V. haben Sie einen Ort geschaffen, der (jungen) Menschen ganzheitlich begegnet. Was war Ihre persönliche Motivation, diesen Ort zu gründen?
Ethictrain ist aus vielen Begegnungen nach meinen Veranstaltungen entstanden und aus einer Frage, die danach immer wieder auftauchte:
Wie kann diese Reise weitergehen?
Für viele war spürbar, dass etwas in Bewegung gekommen war, das über den Moment hinaus weiterwirken wollte. Es entstand der Wunsch, das Erlebte im Alltag zu vertiefen, weiterzutragen und ihm mehr Raum im eigenen Leben zu geben.
Aus diesem Bedürfnis heraus ist Ethictrain entstanden: ein besonderer Ort für ganzheitliches Wachstum. Ein Ort, der nicht nur für einen Moment trägt, sondern Menschen in ihrer eigenen Entwicklung begleiten kann, auf mehreren Ebenen und in Verbindung mit dem, was in ihnen angelegt ist.
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Gab es eine prägende Erfahrung in Ihrer eigenen Biografie oder beruflichen Laufbahn?
Ja, es gab mehrere prägende Erfahrungen und Momente. Ich kenne Phasen, in denen Körper und Seele vor großen Herausforderungen standen. Zeiten mit Krankheit, inneren Ängsten und Momenten, in denen man sich fragt, was überhaupt noch trägt.
Der Angriff eines Jagdhundes, der kritische Zustand durch eine Gehirnhautentzündung und eine chronische Erkrankung waren drei solche Einschnitte: Plötzlich verändert sich das Leben, sicher Geglaubtes fällt weg, und gleichzeitig öffnet sich die Einladung, anders zu erkennen, statt einfach weiterzumachen.
Ich durfte auch für mich erfahren, wie aus solchen Momenten Vertrauen wachsen kann, das nicht von Umständen abhängt. Beruflich waren Pflegeeinrichtungen und das Hospiz wichtige Schauplätze. Dort wurde alles Wesentliche sichtbar: Zeit, Würde, Präsenz.
Ich durfte erleben, wie viel sich verändert, wenn Menschen nicht mehr leisten müssen, sondern einfach sein dürfen. Und was dann wirklich trägt.
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Sie sprechen von „innerer Verbindung“ und „Vertrauen“. Was bedeuten diese Begriffe konkret in Ihrer Arbeit mit Menschen?
Innere Verbindung bedeutet für mich, sich selbst in der Tiefe zu begegnen und vielleicht auch dem Teil in uns, der wirklich trägt. Aus dieser Begegnung heraus kann Vertrauen wachsen: in sich selbst, in das Leben. Dann entsteht oft ein Raum, in dem sich etwas neu ordnet und Möglichkeiten sichtbar werden, die vorher scheinbar „nicht da“ waren.
In meiner Arbeit mit Unternehmen wird das konkret, wenn Menschen weniger reaktiv werden, sich selbst bewusster erfahren und wieder Wahlmöglichkeiten erleben: Aus Stress wird Orientierung, aus Reaktion Begegnung, aus Funktionieren Präsenz.
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Ihr Verein bietet einen geschützten Raum ohne Leistungsdruck.
Warum ist genau das heute so wichtig?
Viele Menschen leben heute ständig im „Müssen“– unter ständigen Anforderungen, im Vergleich, in Rollen. Das gilt für junge Menschen genauso wie für Erwachsene: Man funktioniert, hält durch, passt sich an. Und genau dadurch geht oft das verloren, was so wichtig für unser ganzheitliches und persönliches Wachstum ist: Eine tiefe Sicherheit aus sich selbst heraus.
An unserem Ort entsteht ein Raum, der an etwas erinnert, das im Alltag selten geworden ist: die Erlaubnis, wirklich da zu sein – ohne bewertet zu werden. Ein Raum, in dem Menschen ihrer eigenen Innenwelt begegnen und aus mehr Bewusstheit heraus gestalten können. Daraus kann Selbstermächtigung entstehen, ein Reset für das Nervensystem, die Möglichkeit, tief hineinzuspüren, die Verbindung zu sich selbst zu stärken und sich in einem Feld neuer Möglichkeiten zu bewegen. Es ist ein Raum zwischen Reiz und Reaktion. Und vielleicht liegt genau dort Freiheit.
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Welche Veränderungen beobachten Sie, wenn Menschen beginnen, sich selbst anders zu begegnen?
Wenn Menschen beginnen, sich selbst anders zu begegnen, entsteht oft als Erstes etwas sehr Konkretes: mehr Ruhe im Inneren. Sie merken früher, wann Stress übernimmt oder alte Muster anspringen und gewinnen dadurch Wahlmöglichkeiten zurück. Es ist ein Weg.
Manche berichten, dass sich dadurch ihre Außenwelt spürbar verändert: Umstände und Beziehungen, die vorher „immer gleich“ waren, beginnen sich zu wandeln, weil sie selbst in einer anderen Präsenz sind. Es entstehen Momente, die vorher nicht möglich schienen – nicht aus Kontrolle oder reiner Absicht, sondern weil aus innerer Ausrichtung ein neuer Raum entsteht.
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Sie arbeiten nicht nur mit jungen Menschen, sondern auch mit Unternehmen. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen?
Mich hat die Frage bewegt, wie sich das, was Menschen innerlich stärkt, auch in Unternehmen wirksam entfalten kann. Denn Mitarbeitende sind nicht nur Teil einer Organisation – sie leben zugleich in anderen Systemen: in Familie, Beziehungen, Freundeskreis und im eigenen Gesundheitserleben. Wenn dort mehr Balance entsteht und Menschen wieder Sinn und Bedeutung spüren, bringen sie sich oft anders ein: bewusster, präsenter und mit einer anderen Art von Verantwortung.
Und das, was im inneren Raum möglich wird, bleibt nicht „innen“. Es zeigt sich im Handeln, in Kommunikation, in Kultur. Weil viele Menschen einen großen Teil ihrer Woche bei der Arbeit verbringen, ist genau dieser Ort ein starker Spiegel – und gleichzeitig ein Trainingsfeld.
Es ist eine Wechselwirkung: Mehr Präsenz im Arbeitsalltag schafft mehr Nähe und Verbindung im Team. Das stärkt nicht nur das Unternehmen, sondern oft auch das Leben drumherum.
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Welche Themen bringen Unternehmen aktuell am häufigsten mit? Geht es eher um Stress, Konflikte, Führung oder Unternehmenskultur?
Ich kann das nicht so klar trennen, weil sich in dieser Zeit vieles überlagert. Der Wandel im Außen, die Geschwindigkeit, die Anforderungen, künstliche Intelligenz – all das wirkt in Menschen weiter und findet dort seinen Ausdruck. Spürbar wird es oft als Stress.
Im Unternehmen zeigt es sich dann auf unterschiedlichen Ebenen: in Kommunikation, in Konflikten, in Führung und in der Kultur des Miteinanders. Oft ist es weniger ein einzelnes Thema als ein Muster, das sich durch vieles zieht.
Vielleicht ist deshalb nicht die wichtigste Frage, was Menschen mitbringen, sondern was es jetzt braucht.
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Inwiefern ähneln sich die Bedürfnisse von Jugendlichen und Mitarbeitenden und wo unterscheiden sie sich?
Im Kern ähneln sich die Bedürfnisse sehr. Menschen brauchen Sicherheit, Zugehörigkeit, Werte und Orientierung. Jugendliche zeigen Überforderung oder Unsicherheit oft unmittelbarer. Erwachsene funktionieren häufiger, kompensieren, halten durch. Und doch bleibt bei beiden etwas sehr Ähnliches: der Wunsch, gesehen zu werden und innerlich anzukommen, ohne dabei ständig bewertet zu werden. Mit „gesehen“ meine ich nicht einfach wahrgenommen, sondern wirklich gesehen.
Es gibt eine Filmszene, die das für mich sehr schön beschreibt – aus Avatar, mit dem Satz: „Ich sehe dich.“ Gemeint ist damit kein oberflächliches Sehen, sondern ein tiefes Erkennen: jenseits von Rollen, Erwartungen und dem, was sich an der Oberfläche zeigt. Genau in solchen Momenten geschieht oft etwas Wesentliches.
Manchmal verändert dieses Erleben mehr als jede Methode.
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Welche Rolle spielen Selbstregulation und emotionale Kompetenz in der Arbeitswelt?
Beides ist nicht „nice to have“, sondern eine wesentliche Grundlage guter Zusammenarbeit. Selbstregulation bedeutet für mich, den eigenen Zustand wahrnehmen und steuern zu können – gerade dann, wenn es herausfordernd wird: bei sich zu bleiben und in den Raum zwischen Reiz und Reaktion zurückzufinden.
Emotionale Kompetenz heißt bewusst mit dem umzugehen, was da ist – in mir und in dem, was mir im Miteinander begegnet.
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Gibt es typische Widerstände in Organisationen, wenn es um Achtsamkeit, Breathwork oder innere Arbeit geht? Wenn ja, Wie begegnen Sie Skepsis?
Ja, manchmal schon. Und ich finde das auch in Ordnung. In Organisationen tragen Menschen Verantwortung, stehen unter Zeitdruck, müssen Entscheidungen treffen und Ergebnisse sichern. Da ist es nur natürlich, dass sie genau hinschauen, wenn Begriffe auftauchen, die vielleicht nicht vertraut klingen oder nicht unmittelbar mit dem Arbeitsalltag verbunden werden.
Ich begegne diesen Momenten nicht, indem ich eine „Methode“ vermittle, sondern indem ich den Fokus auf Erfahrung und Wirkung lege. Es geht nicht darum, an etwas zu glauben, das außerhalb des eigenen Selbst liegt. Es geht darum, spürbar zu machen, was sich verändern kann, wenn Menschen unter hohen Anforderungen mehr bei sich bleiben und weniger aus automatischen Mustern heraus handeln.
Dann wird aus einem zunächst fremden Begriff etwas sehr Konkretes: mehr Präsenz, mehr Klarheit, mehr Wahlmöglichkeiten im Alltag.
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Welche Veränderungen beobachten Sie in Teams, wenn innere Stabilität und Beziehungsqualität gestärkt werden?
Wenn innere Stabilität wächst, verändert sich oft zuerst das Erleben der einzelnen Menschen. Sie nehmen sich selbst klarer wahr und spüren, dass sie Wahlmöglichkeiten haben: im Umgang mit den eigenen Gefühlen, im Kontakt mit anderen und in dem, was sie möglich machen können – allein und im Miteinander.
Aus diesem inneren Boden heraus entsteht mehr Präsenz und damit eine andere Qualität von Begegnung.
Im Team zeigt sich das sehr konkret: mehr Verlässlichkeit, mehr Offenheit, mehr Verantwortung. Nicht, weil plötzlich alles einfacher wird, sondern weil Menschen auch unter Druck bei sich bleiben. So wird Beziehungsqualität nicht zu etwas Zusätzlichem, sondern zu dem, was Zusammenarbeit erst wirklich möglich macht.
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Viele Einrichtungen im Gesundheitswesen stehen unter enormem Druck.
Welche Impulse aus Ihrer Arbeit mit Unternehmen könnten für Pflegeeinrichtungen besonders wertvoll sein?
Gerade im Gesundheitswesen sind die persönlichen und beruflichen Anforderungen oft hoch, so dass Menschen häufig im Reagieren bleiben. Umso wichtiger ist alles, was innere Stabilität, Selbstregulation und Beziehungsqualität stärkt. Denn dort, wo Mitarbeitende dauerhaft nur funktionieren, steigt nicht nur die Belastung, oft geht auch der Kontakt zu sich selbst, zu anderen und zum eigentlichen Sinn der „Arbeit“ verloren. Damit wird auch die eigene Gestaltungskraft geringer, weil Menschen stärker aus reaktiven Mustern heraus handeln.
Von dort aus ist nicht so leicht, das eigene Leben und das Miteinander bewusst zu erfahren und zu gestalten. Wertvoll ist deshalb alles, was Menschen wieder in Kontakt mit sich selbst bringt:
- kleine Momente von Präsenz,
- mehr Bewusstheit im Umgang mit Herausforderungen,
- ein klarerer Zugang zu den eigenen Möglichkeiten und ein Miteinander, das nicht nur über Leistung funktioniert.
Gerade in Pflegeeinrichtungen entscheidet die Qualität der inneren Verfassung oft mit darüber, wie Begegnung erlebt wird – im Team, mit Angehörigen und vor allem mit den Menschen, die begleitet werden. So wird Entlastung nicht nur organisatorisch gedacht, sondern auch menschlich spürbar.
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Wenn Sie eine Klinik oder Pflegeeinrichtung beraten würden – wo würden Sie beginnen?
Aus meiner eigenen Arbeitswelt kenne ich den Bereich Pflege und Palliativ sehr gut und das aus verschiedenen Perspektiven. Ich würde nicht bei Strukturen oder Konzepten beginnen, sondern bei der Frage: Was brauchen die Menschen, die dieses System jeden Tag tragen? Was ist in ihrem Alltag spürbar? Wo ist Belastung, wo ist Erschöpfung, und wo fehlt vielleicht der Raum, um überhaupt wieder bei sich selbst anzukommen? Denn bevor Veränderung entstehen kann, braucht es ein ehrliches Verstehen dessen, was da ist.
Und dann braucht es manchmal nicht einfach „mehr“, sondern etwas anderes: einen Raum der Begegnung mit sich selbst. Keine Tools, keine neue Methode – eher einen Weg des Ankommens und eine andere Perspektive auf das eigene Erleben. Denn die Qualität eines Systems beginnt nicht erst bei Prozessen, sondern in dem Zustand der Menschen, die in ihm handeln. Aus diesem Zustand heraus entsteht auch die Qualität von Begegnung, Verantwortung und Miteinander.
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Wo sehen Sie aktuell die größten Lücken im Unterstützungssystem für junge Menschen?
Ich glaube, eine der größten Herausforderungen liegt darin, dass junge Menschen oft schnell bewertet oder eingeordnet werden, aber selten wirklich in dem gesehen werden, was sie innerlich bewegt. Es gibt viele gute Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten. Aber dazwischen fehlt oft etwas sehr Wesentliches: ein Raum, in dem junge Menschen sich sicher genug fühlen, um überhaupt in echten Kontakt mit sich selbst zu kommen.
Dazu kommt, dass Unterstützung häufig auf Verhalten reagiert, aber nicht immer auf das, was darunter liegt: fehlende Orientierung, innere Unsicherheit, Überforderung, der Wunsch nach Zugehörigkeit und danach, wirklich gesehen zu werden.
Ich glaube, junge Menschen brauchen nicht nur Hilfe im Außen, sondern Orte und Beziehungen, in denen sie wieder spüren können, was in ihnen ist und welche Tiefe im eigenen Leben möglich sein kann. Denn genau dort beginnt oft etwas, das weit über den Moment hinaus wirkt.
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Was berührt Sie in Ihrer Arbeit am meisten?
Mich berühren besonders die Momente, in denen ein Mensch sich selbst wieder begegnet: dem eigenen Wesen, den eigenen Möglichkeiten und dem, was vielleicht lange nicht spürbar war. Das sind oft Augenblicke besonderer Erkenntnis, manchmal auch ein tiefes Erinnern. Aus diesem Raum heraus erfahren Menschen sich manchmal auf eine ganz neue Weise.
Und mich berührt, was dann im Miteinander geschieht. Wenn Menschen sich nicht mehr nur über Rollen, Schutz oder Funktion begegnen, sondern aus innerer Präsenz heraus. Da entsteht oft etwas sehr Bedeutsames: Würde, Verbindung, ein andere Art zu erkennen, über das Bekannte hinaus. Vielleicht ist es genau das, wofür ich heute unterwegs sein darf.
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Wenn Sie heute einen Satz mitgeben könnten – welcher wäre das?
Vertrauen ist nicht das Ziel. Es ist der Anfang.



