Warum Probleme oft bleiben und was sich verändert, wenn wir anders auf sie schauen.
Für achtsampflegen habe ich mit Susanne Deetz und Kay Leutner über Beziehungen, Konflikte und Selbstfürsorge gesprochen. Zwei Menschen, bei denen im Interview schnell spürbar wird, mit wie viel Erfahrung und Wertschätzung sie Menschen begleiten.
Besonders interessiert hat mich dabei die Frage, was wir aus der systemischen Arbeit für Pflege und Gesundheitsberufe mitnehmen können.
________
Was hat Sie ursprünglich zur systemischen Arbeit geführt? Gab es einen Schlüsselmoment?
Tatsächlich hatten wir ähnliche Schlüsselmomente. Über eine Freundin beziehungsweise einen Arbeitskollegen bekamen wir erstmals Zugang zur systemischen Arbeit. Beide hatten eine Ausbildung zur systemischen Beraterin beziehungsweise zum systemischen Berater absolviert.
Wir erlebten, wie sich dadurch ihre Sicht auf Menschen und Probleme veränderte. Themen wurden nicht mehr ausschließlich problemorientiert betrachtet, sondern ressourcenorientiert und immer auch in dem Kontext, in dem sich die betreffende Person befand.
Das brachte uns – unabhängig voneinander – vor über 20 Jahren zu unserer ersten Ausbildung in systemischer Beratung.
Darauf haben wir über die Jahre in unseren jeweiligen Arbeitskontexten aufgebaut. Heute sind wir beide systemische Therapeuten und Paartherapeuten. Kay Leutner ist darüber hinaus systemischer Traumafachberater und systemischer Supervisor.
Was bedeutet „systemisch denken“ für Sie ganz persönlich?
Systemisch zu denken bedeutet für uns, ein Problem oder eine Situation nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs.
Das Verhalten eines Menschen wird beispielsweise nicht nur aus seinen persönlichen Eigenschaften heraus erklärt. Wir betrachten ebenso den jeweiligen Kontext, seine Beziehungen und die Rahmenbedingungen.
Statt ausschließlich auf das Problem zu schauen, interessiert uns: In welcher Situation oder in welchem System tritt es auf? Wann existiert es vielleicht gar nicht? Und was müsste sich im Zusammenspiel innerhalb dieses Systems verändern, damit sich die Situation verbessert?
Ein solches System kann die Familie sein, der Freundeskreis, Kolleginnen und Kollegen oder auch das weitere soziale Umfeld.
Viele Menschen kennen Beratung vor allem als „Problemgespräch“.
Was unterscheidet die systemische Beratung davon?
In unserer systemischen Arbeit klären wir zunächst das Thema und den konkreten Arbeitsauftrag.
Was möchte die Person erreichen? Soll das Problem möglichst verschwinden? Möchte sie lernen, anders damit umzugehen? Oder möchte sie zunächst verstehen, warum eine bestimmte Situation immer wieder auftritt?
Unsere Grundhaltung ist von Wertschätzung und Respekt geprägt. Wir gehen davon aus, dass unsere Klientinnen und Klienten Fähigkeiten und Erfahrungen mitbringen, die ihnen dabei helfen können, eigene Lösungen zu entwickeln.
Für uns sind sie die Expertinnen und Experten ihres eigenen Lebens.
Deshalb richten wir den Blick nicht ausschließlich auf Defizite, sondern vor allem auf Möglichkeiten, vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen.
Gerade wenn Menschen erschöpft oder festgefahren sind, fällt es oft schwer, die eigenen Stärken noch wahrzunehmen. Wie gelingt das?
Wir arbeiten unter anderem mit ressourcenorientierten Fragen:
Wann ist das Problem weniger groß?
Wann tritt es vielleicht gar nicht auf?
Was ist in diesen Situationen anders?
Wie haben Sie eine ähnliche Situation früher bewältigt?
Was hat Ihnen damals Kraft gegeben?
In welchem Umfeld ist das Problem stärker – und wo ist es schwächer?
So richten wir den Blick bewusst auch auf die Situationen, in denen ein Problem nicht oder weniger stark auftritt.
Wir schauen gemeinsam darauf, was dort anders ist, welche Lösungen vielleicht bereits einmal funktioniert haben und welche Rolle andere Menschen und Beziehungen dabei spielen.
Auch Werte, Glaubenssätze, vorhandene Stärken, hilfreiche Beziehungen, Erfahrungen und Kompetenzen werden bewusst gemacht. Sie können anschließend genutzt werden, um aktuelle Herausforderungen zu bewältigen.
Dieser ressourcenorientierte Blick kann die Selbstwirksamkeit stärken und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.
Mit welchen Anliegen kommen Menschen besonders häufig zu Ihnen?
Die Bandbreite ist groß.
Menschen kommen mit persönlichen Lebenskrisen zu uns. Beispielsweise aufgrund von Umbrüchen, Erkrankungen, Trennungen oder Konflikten. Andere erleben große Krisen innerhalb ihrer Partnerschaft oder Familie.
Manchmal gerät ein Familienmitglied in eine schwierige Situation oder verhält sich anders, als das Umfeld es erwartet. Daraus können Unverständnis, Konflikte und Belastungen für das gesamte Familiensystem entstehen.
Gemeinsam arbeiten wir in unserer Gemeinschaftspraxis ausschließlich mit Paaren und Familien. Besonders häufig geht es dabei um Krisen innerhalb von Partnerschaften.
Wir erleben immer wieder, dass Paare, die frühzeitig Beratung in Anspruch nehmen – bevor sich Konfliktmuster und bestimmte Verhaltensweisen stark verfestigt haben –, häufig schneller einen Weg aus destruktiven Mustern finden.
Wie gehen Sie mit stark emotionalen Situationen um, etwa bei Trennungen oder familiären Konflikten?
Stark emotionale Situationen gehören zu unserem Beratungsalltag.
Menschen kommen in der Regel mit einem hohen Leidensdruck. Nicht selten sind wir die Ersten, die ihnen wirklich zuhören und ihre Belastung sowie ihre bisherigen Bemühungen anerkennen.
Wir begegnen ihnen mit Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und Achtung. Wir hören zu und stellen Fragen.
Dabei geht es nicht darum, Verhaltensweisen vorschnell zu verurteilen. Vielmehr möchten wir Fragen stellen, durch die Menschen selbst Vorstellungen davon entwickeln können, was sich verändern könnte.
Gibt es etwas, das Ihnen in Konflikten immer wieder begegnet?
Ein möglicher „blinder Fleck“ besteht darin, dass Menschen ihre Beziehung manchmal vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachten, ob die Partnerin oder der Partner die eigenen Bedürfnisse erfüllt.
Gedanken wie „Wenn er das machen würde, wäre ich …“ oder „Wenn sie das nicht immer sagen würde, könnte ich …“helfen bei der konstruktiven Arbeit an einer Beziehung auf Augenhöhe häufig nicht weiter.
Wir verstehen eine Beziehung vielmehr als eine Entwicklungsgemeinschaft.
Deshalb üben wir mit Paaren und Familien, die eigenen Bedürfnisse angemessen zu benennen und gleichzeitig die Bedürfnisse des Gegenübers anzuerkennen.
Dazu gehört auch, eigene Themen und Trigger ebenso wahrzunehmen wie die der Partnerin oder des Partners, gegenseitige Grenzen zu respektieren und miteinander im Gespräch zu bleiben.
Sie arbeiten teilweise im Tandem. Welche Vorteile hat dieses
„Vier-Augen-und-Ohren-Prinzip“?
Wir haben beide unsere eigenen Praxen. In unserer Gemeinschaftspraxis arbeiten wir jedoch ausschließlich im Tandem.
Der Vorteil liegt für uns darin, dass vier Augen und vier Ohren mehr wahrnehmen. Außerdem ergänzen wir uns mit unseren unterschiedlichen Arbeitsweisen sehr gut.
Unsere Klientinnen und Klienten erleben ein Mann-Frau-Tandem, wodurch unterschiedliche Perspektiven in die Beratung einfließen können.
Innerhalb einer Paartherapie arbeiten wir zeitweise auch einzeln mit den Beteiligten, bevor die gemeinsame Arbeit fortgesetzt wird.
Ein weiterer Vorteil des Tandems ist, dass wir dadurch ein breiteres Spektrum an Interventionen anbieten können.
Pflegekräfte stehen häufig unter hoher emotionaler Belastung.
Wo kann systemische Beratung konkret unterstützen?
In der systemischen Beratung betrachten wir beispielsweise den Arbeits- und Familienalltag und erarbeiten gemeinsam Möglichkeiten für Entlastungs- und Erholungszeiten.
Gerade für Menschen in pflegerischen und anderen sozialen Berufen sind solche Zeiten enorm wichtig.
Eine gute Atmosphäre am Arbeitsplatz ist aus unserer Sicht geprägt von Wertschätzung, gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, Konflikte lösungsorientiert zu bearbeiten.
Das sind wichtige Voraussetzungen für den Erhalt der psychischen Gesundheit von Pflegekräften.
Welche Impulse würden Sie Leitungskräften geben, die ihre Teams gesund führen möchten?
Leitungskräfte spielen eine wichtige Rolle.
Sie können ihre Mitarbeitenden unterstützen, indem sie motivieren, Anerkennung zeigen und ein offenes Ohr für Themen rund um den Arbeitsplatz haben.
Ebenso wichtig ist es, Konflikte nicht unnötig schwelen zu lassen, sondern sie möglichst frühzeitig, respektvoll und lösungsorientiert anzusprechen.
Welche Rolle spielt Selbstfürsorge und wie lässt sie sich im Alltag realistisch umsetzen?
Selbstfürsorge fällt gerade Menschen in helfenden Berufen häufig nicht leicht.
Deshalb entwickeln wir mit unseren Klientinnen und Klienten individuelle Selbstfürsorgekonzepte. Das können beispielsweise Sport, Treffen mit Freundinnen und Freunden, bewusste Auszeiten mit der Partnerin oder dem Partner oder andere Aktivitäten sein, die Kraft geben.
Entscheidend ist, dass Selbstfürsorge zum jeweiligen Menschen und zu seinem Leben passt.
Gibt es typische Wendepunkte im Beratungsprozess?
Klientinnen und Klienten bemerken Veränderungen beispielsweise daran, dass das Problem, mit dem sie zu uns gekommen sind, kleiner wird oder vielleicht sogar verschwindet.
Sie fühlen sich wohler mit sich selbst und in ihrem Leben – und manchmal bemerken sie auch, dass ihr Umfeld anders auf sie reagiert.
Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist der Blick auf Bedürfnisse.
Wir versuchen gemeinsam zu verstehen, warum bestimmte Bedürfnisse für einen Menschen besonders bedeutsam sind und wie er sie anderen gegenüber ausdrücken kann – ohne automatisch zu erwarten, dass das Gegenüber sie erfüllen muss.
Allein diese Auseinandersetzung kann bereits zu einer deutlichen Entspannung führen.
Was hilft dabei, Veränderungen langfristig zu stabilisieren?
Zu erkennen, was ich verändern kann oder möchte, ist ein wichtiger erster Schritt. Erkenntnis allein reicht jedoch häufig nicht aus.
Langfristige Veränderung braucht Aufmerksamkeit und Übung.
Es geht darum, nicht unbewusst immer wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen – oder zumindest zunehmend wahrzunehmen, wenn genau das passiert.
Wie gehen Sie mit der Erwartung um, möglichst schnell eine Lösung zu liefern?
Wir verstehen uns als Entwicklungshelfer, nicht als Problemlöser.
Wir bieten unseren Klientinnen und Klienten einen Raum, in dem sie ihre Fragen, Probleme und Themen benennen können. Gemeinsam versuchen wir anschließend, individuelle Lösungsstrategien zu entwickeln, die zu der jeweiligen Person und Situation passen.
Manche Menschen benötigen nur wenige Termine, um sich ihren Themen gegenüber neu aufzustellen. Andere begleiten wir über einen längeren Zeitraum, beispielsweise wenn tiefe Verletzungen eine schnelle Veränderung erschweren.
Systemische Beratung hat dabei auch Grenzen. Insbesondere bei schweren Traumatisierungen oder schweren psychiatrischen Erkrankungen kann eine entsprechende ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Versorgung notwendig sein. Systemische Beratung kann hier – je nach individueller Situation – allenfalls begleitend unterstützen.
Wenn Sie Pflegekräften oder pflegenden Angehörigen einen Gedanken mitgeben könnten – welcher wäre das?
Wir haben großen Respekt vor dem Pflegepersonal in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und ambulanten Pflegediensten – ebenso wie vor Angehörigen, die einen Menschen zu Hause pflegen.
Für uns bedeutet achtsam pflegen, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es Menschen sind, mit denen wir arbeiten.
Menschen, die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste haben.
Im Pflegealltag können diese Bedürfnisse nicht immer vollständig erfüllt werden. Vielleicht fehlt die Zeit, ein Bedürfnis wird nicht erkannt oder man ist selbst erschöpft und mit eigenen Themen beschäftigt.
Gerade dann hilft aus unserer Sicht eine wertschätzende Kommunikation.
Das kann beispielsweise bedeuten, transparent zu sagen, wie viel Zeit gerade zur Verfügung steht, Wünsche und Fragen in dieser Zeit ernst zu nehmen und gleichzeitig liebevoll Grenzen zu setzen.
Eine kurze Zeit echter, zugewandter Aufmerksamkeit kann wertvoller sein als viele Stunden, in denen wir zwar körperlich anwesend, gedanklich aber ganz woanders sind.
Und genauso wichtig ist es, die eigenen Kraftquellen nicht aus den Augen zu verlieren.
Denn wer dauerhaft für andere Menschen da ist, braucht auch einen achtsamen Umgang mit sich selbst.
Selbstmitgefühl ist dabei kein Luxus, sondern eine wichtige Grundlage dafür, langfristig für andere da sein zu können.
________
Susanne Deetz und Kay Leutner verfügen über langjährige Erfahrung in der systemischen Arbeit und begleiten Menschen, Paare und Familien in unterschiedlichen Lebens- und Konfliktsituationen.


